Was 1893 mit einer kleinen Bäckerei in Weitersfelden begann, ist heute ein Unternehmen mit 20 Filialen und rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Doch eine Familienbäckerei ist die Honeder Naturbackstube immer noch.

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Der erste Weg in der Früh führt Reinhard Honeder stets in die Backstube. Um die Qualität der Backwaren zu kontrollieren, natürlich. Aber auch, um die Stimmung einzufangen, frühmorgens um halb vier: die Atmosphäre unter den konzentriert arbeitenden Bäckern, den Duft frisch gebackener Brote, Semmerl und Strudel. „Die Backstube brauche ich zum Leben“, sagt der Inhaber der Familienbäckerei. „Auch wenn ich tagsüber im Büro bin, belohne ich mich immer wieder mit einem Gang in die Backstube.“ Dass Reinhard Honeder einmal gemeinsam mit seiner Frau Helga den elterlichen Betrieb übernehmen würde, war nie ganz dringend geplant, erzählt das Paar heute.

Als junge Menschen wollten sie beide mehr von der Welt sehen nach der Lehre: sie mit einer Tourismusausbildung an einer Hotelfachschule und Gastronomie-Erfahrung dank des elterlichen Gasthofes in der Steiermark, er eben als Bäcker- und Konditormeister. Auf einem Kreuzfahrtschiff dann lernten sich Helga und Reinhard kennen, 1988 war das, als beide auf eben diesem Schiff arbeiteten. Ihr gemeinsamer Lebensweg brachte sie dann allerdings doch nicht wie angedacht nach Australien oder Kanada, sondern in Reinhards Heimatort Weitersfelden, wo ihnen 1993 Josef und Paula Honeder die Familienbäckerei übergaben.

„Die Atmosphäre, der Duft – die Backstube brauche ich zum Leben.“

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Viel zu reisen war schon den Eltern wichtig gewesen – sicherlich ein Grund dafür, warum der Blick der Honeders immer schon in die Weite gerichtet war, auch wenn sie in einer kleinen Landgemeinde lebten, analysiert Helga Honeder. Bodenständig und weltoffen zugleich zu sein, das sind dann wohl auch die Triebfedern der Unternehmerfamilie Honeder: Ob bei deren Gründer, Josef Honeder, der nicht nur ein tüchtiger Bäcker war,

sondern auch eine Greißlerei und eine Landwirtschaft betrieb und mit Holz handelte. Oder eine Generation später, als sich Franz Honeder 1926 als Erster im Bezirk Freistadt einen Dampfbackofen bauen ließ. Zudem kaufte er, darin war er ebenfalls Vorreiter, 1954 ein Auto zum Brotausfahren. Weitere zukunftsweisende Investitionen: die Anschaffung einer Kipferlwickelmaschine und einer Teigteilschleifmaschine.

Der Blick der Honeders
war schon immer in die Weite gerichtet.

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Ohnehin gilt der Großvater von Reinhard Honeder in der Familie als Pionier des Fortschritts in Weitersfelden. Er trieb die Elektrifizierung im Dorf voran, betrieb eine Ladestation, die Strom für Radios lieferte und war nebenbei noch Fotograf. Als in der dritten Generation Josef Honeder 1961 die Bäckerei übernahm, war sie auf einem technischen Standard wie weit und breit keine andere. In Josefs Zeit fiel 1973 eine richtungsweisende Entscheidung: ein Tages-Espresso in der Bäckerei einzurichten. Die Idee dazu hatten Josef und Paula Honeder von ihren Reisen mitgebracht, vermutet Reinhard Honeder heute: „Wer Fernweh in sich trägt, der bringt auch ein gewisses Maß an Neugier mit – und das will man ins Unternehmerische einfließen lassen.“ Was den Honeders in jeder Generation zugute kam, war die Fähigkeit, gute Netzwerker zu sein – Augen und

Ohren nicht nur auf Reisen offen zu halten, sondern auch in der Heimat. Dies half der vierten Generation, als sich in den 1990ern ein Strukturwandel abzeichnete: „Die Landflucht begann, Bedarf und Verhalten der Kunden änderten sich, viele Bäcker mussten ihre Filialen schließen“, erzählt Helga Honeder. „Wir aber wollten nicht nur der kleine Bäcker bleiben, wir wollten wachsen.“ Das Paar ergriff die Chance, übernahm Standorte in den Nachbarsgemeinden. „Unsere Vision war ganz klar: Einerseits wollten wir der Bäcker der Region werden. Dabei halfen uns Helgas Kooperationen im Tourismus und Arbeitskreise in der Landwirtschaft wie unser Bio Dinkelkreis“, sagt Reinhard Honeder. „Andererseits wollten wir zurück zu den Wurzeln. Uns zurückbesinnen auf die Rezepte, nach denen schon mein Urgroßvater gebacken hatte.“

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Für gutes Brot braucht es schließlich nur Mehl, Wasser und Salz. Das Opa Josef-Brot, ein Jubiläumsbrot, das die Naturbackstube seit 1993 backt, zeugt schmackhaft davon. Traditionell sind auch Backwaren wie etwa der Polsterzipf (ein süßes Dreieck aus Butter-Topfen-Teig, gefüllt mit Ribiselmarmelade), den es früher in jedem Haushalt gab. Honeder macht ihn allerdings mit Dinkel – wie die meisten Mehlspeisen. Und das Rezept für die Mohnzelten stammt von einer alten Bäuerin, die Reinhard Honeder schon als Kind öfter besucht hatte. Die Reduzierung auf das Wesentliche und Zeit für das Handwerk gehören für die Honeder Naturbackstube zu den essenziellen Werten. „Denn Backwaren“, sagt Reinhard Honeder, „kann man heute ja an allen Ecken kaufen, sogar an der Tankstelle. Umso wichtiger ist das Vertrauen ins Handwerk!“ Überhaupt liegt der Erfolg der Honeder Naturbackstube wohl in der Mischung aus Tradition und Erneuerung: überlieferte Rezepte, ehrliche, qualitativ

hochwertige Zutaten aus dem Mühlviertel plus eine werteorientierte Unternehmenskultur, die ein Gespür hat für die Mitarbeiter, die Lieferanten und die Kunden. Eine Unternehmenskultur, die in die Mitarbeiter vertraut und neue Ideen und Produkte mitträgt. Auch wenn es Innovationen gab, mit denen man durchaus schief lag. Helga Honeder erinnert sich an die Versuche mit selbstgemachtem Eis, das ebenso wenig angenommen wurde von den Kunden wie die Zwergenbrote. Auch die hübschen Einweg-Verpackungen, extra für Kuchen To Go entworfen, funktionierten nicht. „Noch heute lagern bei uns zuhause mehrere tausend Stück...“ Doch Fehlentscheidungen sind nun einmal menschlich. Ohnehin, geben die Honeders ein klares Bekenntnis ab, geht es in der Familienbäckerei nicht ausschließlich darum, gute Produkte herzustellen. „Es geht immer um die Menschen. Sie sind es, die es ausmachen und die uns ausmachen“, sagt Reinhard Honeder.

„Brot gibt es heute überall. Umso wichtiger ist das Vertrauen in das Bäckerhandwerk.“

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Ein Unternehmerpaar, das die Freude an seinem Beruf glaubhaft vermittelt und für seine Angestellten greifbar ist: Sicher eine Voraussetzung dafür, dass die Honeder Naturbackstube, trotz ihrer Größe mit 19 Filialen und rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, als natürlich gewachsener Betrieb wahrgenommen wird. Mit Sohn Franz steht die fünfte Generation bereit,

die Familienbäckerei eines Tages weiterzuführen. Dass er Bäcker werden will, wusste Franz schon als kleiner Bub, erzählt die Familie. Die Begeisterung hat er über die Jahre glaubhaft vermittelt bekommen von seinem Vater, der noch heute sagt: „Bäcker zu sein ist für mich nach wie vor der schönste Beruf der Welt.“ Zeitig aufstehen hin oder her.


Text: Mareike Steger / Fotografie: Robert Maybach